Emscher
So manchem mögen sich ja die Haare sträuben, die Emscher als einen Fluß zu bezeichnen, aber offiziell ist sie es immer noch, auch wenn sie weitgehend ein kanalisierter Abwasserkanal ist. Das Foto zeigt die Emscher bei Gelsenkirchen-Bismarck.
Die Emscher entspringt bei Dortmund-Holzwickede direkt unter einem alten Bauernhaus und nach rund 84 Kilometern fließt sie bei Dinslaken in den Rhein. Die Emscher unterquert im Norden Castrop-Rauxels bei Henrichenburg den Rhein-Herne-Kanal mittels des Großen Emscherdükers. Nördlich des Kanals verläuft die Emscher dann bis zur Mündung fast durchgehend parallel zum Rhein-Herne-Kanal. In Oberhausen-Buschhausen beginnt die Kleine Emscher. Sie ist ein alter Nebenarm, der aber vom Hauptfluß abgeschnitten ist und fließt über Duisburg-Neumühl nördlich an Hamborn vorbei bis zum Pumpwerk bei Duisburg-Fahrn. Zwischen diesem Südarm und dem Hauptarm der Emscher fließt außerdem von Duisburg-Neumühl westlich des Autobahnkreuzes Oberhausen-West bis Duisburg-Beeck. Auch die Alte Emscher ist ein Altarm, der mit dem Hauptarm nicht mehr verbunden ist. Die alte Emscher führt heute keine Abwässer mehr, sondern ausschließlich Regenwasser.
An manchen Tagen riecht die Emscher auch heute noch nicht sehr fein und genau so wenig fein, wie ihr Geruch, sind auch die Namen, die man ihr im Ruhrgebiet gegeben hat: “größter Abwasserkanal” oder “größte Kloake” Deutschlands.
Das sah bis um 1900 noch ganz anders aus. Die Emscher war ein stark mäandernden Fluß und die Gesamtlänge betrug vor der Kanalisierung rund 109 Kilometer. Das Ufergebiet war an vielen Stellen sumpfig und vom Hochwasser gefährdet. Im Emscherbruch zwischen dem heutigen Recklinghausen-Süd und Herten kam es sogar bei Überschwemmungen oft zu ansteckenden Krankheiten und Ärzte des 19. Jahrhunderts berichten von Malaria-Fällen.
Im Zuge der Industrialisierung wurden Lippe und Ruhr die Flüsse, denen das Trinkwasser und Nutzwasser für die Ruhrindustrie entnommen wurden, während Abwässer zunehmend in die Emscher geleitet wurden. Allmählich wurde der Fluß zu einer Gesundheitsgefahr, genügte aber auch den Erfordernissen der Abwasserwirtschaft nicht mehr.
Der wichtigste Schritt zur Kanalisierung der Emscher und Beseitigung der Gefahren durch die Emscher war 1899 die Gründung der Emschergenossenschaft. Sie besteht heute noch und ihre Aufgaben sind die Reinigung des Abwassers, die Sicherung des Flusses und der zur Emscher einleitenden Bäche und Kanäle, der Hochwasserschutz, sowie Nebenaufgaben aller Art (Winterdienste an öffentlichen Wegen und Brücken, Absicherung der Anlagen gegen unbefugtes Betreten).
Die Emscher wurde nun über Jahrzehnte hinweg befestigt und begradigt. Der Flußlauf wurde mehrmals reguliert und die Mündung der Emscher vier Kilometer nördlich der ursprünglichen Mündung verlegt. Im 20. Jahrhundert folgten der Bau von Klärwerken, die Schadstoffe und Feststoffe vom Wasser abscheiden und der Bau eines großen Klärwerkes kurz vor der Emschermündung. In den Rhein fließt das Emscherwasser heute so sauber, wie es mit Hilfe der Klärwerktechnik möglich ist.
Und die früheren Hochwassergefahren sind auch gebannt. Das letzte Emscherhochwasser mit einer Überschwemmung war 1946 in Gelsenkirchen-Horst und Essene Norden. Dabei kam es jedoch infolge von Kriegsschäden an den Deichen zu Überflutungen. Das größte Hochwasser der Emscher nach 1945 war am 29. Januar 1995 und verlief ohne jegliche Gefährdungen für die Anwohner am Ufer. Am Pegel Oberhausen-Königstraße wurde damals ein Wasserstand von ca. 7,56 Meter gemessen (Quelle: Emschergenossenshaft).
In den frühen 80er Jahren wurden erste Pläne zur Renaturierung der Emscher entworfen. Langfristig soll das Abwasser in unterirdischen Kanälen geführt und die Emscher wieder in einen naturnahen Zustand gebracht werden. Zweifellos ist die Emscher sauberer geworden, doch von diesen Zielen ist man heute immer noch weit entfernt.
Ein unterirdischer Abwasserkanal anstatt der offen fließenden Emscher ist durch den Niedergang des Bergbaus am Nordrand des Ruhrgebiets in den Bereich des Machbaren gerückt. Die Emscher ist heute auf der gesamten Länge, die als Abwasserkanal genutzt wird, eingedeicht. Sie fliesst im Gebiet von möglichen Bergsenkungen weitgehend über dem Niveau der Umgebung. Diese Maßnahmen wurden nötig, weil Bergsenkungen immer wieder eine Erhöhung und Verbesserung der Deiche oder ein Ausgleichen des Emscherbettes nötig machten.
Weil die Emscher weitgehend auch über dem Niveau der eingeleiteten Bäche und Abwasserkanäle liegt, muss deren Wasser nach oben fließen. Man hört vielfach den Spruch, man habe “noch nie Wasser den Berg hinauf fließen sehen.” Er ist falsch, denn technisch ist es kein Problem, das Wasser bergauf fließen zu lassen. Dafür gibt es drei Lösungen: Pumpwerke, Schnecken und Düker. Sich drehende Schneckenwerke befördern das Wasser durch ihre Steigung (= Schneckenwindung) bergauf. Düker funktionieren nach dem System der kommunizierenden Röhren.
Die Emscher gibt einem Teil des Ruhrgebietes einen speziellen Namen. Der Nordteil des Ruhrgebietes wird häufig Emscherzone oder auch Emscherschiene genannt. Der Begriff Emscherschiene kann durchaus wörtlich genommen werden. Die Emschertalbahn (Köln-Mindener-Eisenbahn), die das Ruhrgebiet im Norden von West nach Ost durchzieht, gehört zu den wichtigsten Eisenbahnverbindungen im Ruhrgebiet. Sie ist auch die älteste Eisenbahnstrecke im Ruhrgebiet.
Bereits im 20. Jahrhundert hat sich auch der Schwerpunkt der Stahl- und Kohleindustrie sowie der weiterverarbeitenden Betriebe immer weiter nach Norden verlagert, so dass der Begriff Ruhrgebiet seit langem nicht mehr zutreffend ist, aber er hat sich historisch eingebürgert.





